Projekt 2011: Bau von 2 Webstühlen und Einrichten eines Webateliers

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Selbstgebauter Flying-8-Webstuhl 

Bei einem ehemaligen Kursteilnehmertreffen bei der Firma »Zürcher und Stalder AG« in  Kirchberg, hörte ich einen Vortrag von Andreas Möller aus Hamburg, der seine Arbeiten vorstellte. Seine Webprodukte faszinierten mich und seine Ausführungen über das Projekt in Äthiopien, welches mit dem von ihm entwickelten Flying–8 Webstuhl arbeitet, beeindruckte mich sehr. Überzeugend fand ich, dass die Idee eines Webstuhles in das Land importiert wird und nicht die Gerätschaft selber. Als der Kurs »effizientes Weben« mit Andreas Möller ausgeschrieben wurde, war mir klar, dass ich diesen im Hinblick auf die Arbeit in Haiti besuchen werde. Ich war froh, hatte ich während dem Kurs in Kirchberg die Möglichkeit auf dem Flying–8 Webstuhl zu weben und Erfahrungen zu sammeln. Elsa Real hatte während der Kurszeit die Gelegenheit, für einen Tag zu hospitieren und unterstützte die Idee, einen gut funktionierenden Webstuhl in Haiti selber zu bauen.

Mitte September 2011 konnten wir, anhand der Baupläne von Andreas Möller, mit dem Anfertigen des Schärbaumes, des Webstuhles und dem »guten Freund« beginnen. Genauer gesagt waren es Walter Brühlmann und Reto Lareida die sich diesen Arbeiten, mit Einbezug von Haitianern, annahmen. Für jemanden der nur vage Webkenntnisse besitzt, bedurften einzelne Angaben der Interpretation. Deshalb entstand eine intensive Zusammenarbeit zwischen den »Bauherren« und den Weberinnen. Auf kleinste Wünsche wurde eingegangen und gewisse Teile optimiert. Der Webstuhl bekam eine flexible und abnehmbare Sitzbank, die Kettwalze wurde noch mit einer kleinen Führung ergänzt, damit sich diese während dem Aufbäumen nicht verschieben kann und es kam noch eine angebaute und abnehmbare Materialkiste dazu.

Als diese Gerätschaften zu unserer Verfügung standen, war die Freude gross. Beim Aufbäumen der Kette sorgte der »gute Freund« für eine regelmässige Spannung. Von Beginn an funktionierte der Webstuhl tadellos, zum Einrichten ist er sehr praktisch und zeigt ein optimales Webfach. Nach den ersten gewobenen Zentimetern gab es ein Einweihungsfest. Die Frauen fanden sich am Flying–8 Webstuhl schon bald einmal gut zurecht und es gelang ihnen eine regelmässige Stoffqualität herzustellen. Es kam der Wunsch auf, noch einen weiteren Webstuhl zu bauen, die gemachten Erfahrungen einzubeziehen und diese weiter zu geben. Der Bau kam schneller voran als beim ersten Webstuhl. Zu erwähnen ist, dass alle Holzteile geschliffen und mit Borax behandelt wurden, um den Termiten den Appetit zu verderben.

Beim zweiten Flying-8 Webstuhl haben wir einen Schnellschuss eingerichtet. Beim Vorzeigen dieser Funktion, breitete sich eine wahre Freude aus, die sich in Ausrufen und Lachen widerspiegelte.  Diony Francher, ein Haitianer, welcher verschiedene Bauarbeiten für »LEMUEL SWISS« ausführt und ein handwerkliches Geschick aufweist, verfolgte den Bau des Webstuhles mit grossem Interesse. Er will nun für seine Töchter auf seine Weise selber einen Webstuhl bauen, »une machine moi mème« (mein eigenes Gerät). Wir sind sehr gespannt, was er an eigenen Ideen einbauen wird. Er hat die Möglichkeit, den Webstuhl an einem überdeckten Platz aufzustellen.

Was sind die Besonderheiten, den Flying – 8 Webstuhl in Haiti zu bauen?

Holz, das Grundmaterial ist in Haiti nicht leicht zu erwerben. Dies kommt daher, dass die Franzosen Bäume fällen liessen und diese nach Europa verschifften, später wurden die alten Mahagoni und Pinienbäume von den Amerikanern für ihre eigenen Zwecke gerodet. Seither ist gutes Holz in Haiti Mangelware und muss importiert werden. Dieses ist wiederum weich, nicht sehr widerstandsfähig, grobmaserig und deshalb auch bruchanfällig. Dies veranlasste uns, hartes Holz für die Querhölzer, Anlegestäbe für 2 Webstühle und 8 Pedalen aus der Schweiz mitzunehmen, um nicht unangenehm überrascht zu werden. In einem Grosshandel in Haiti wurde das Holz (Pinienholz) für die restlichen Teile des Webstuhles in einem einheitlichen Mass gekauft. Beim Bau des zweiten Flying – 8 Webstuhles verwendeten wir, ausser für die Querhölzer und Anlegestäbe, das in Haiti eingekaufte Holz. Auch die Pedalen wurden dieses Mal mit dem eingekauften Holz angefertigt. Es scheint nicht unmöglich den ganzen Webstuhl mit dem in Haiti erhältlichen Holz herzustellen. Wenn Diony seine Idee verwirklicht, gibt es erste Erfahrungen.

»LEMUEL SWISS« verfügt wegen diversen Bauarbeiten über Holzfräsen, eine Hobel- und Bohrmaschine, diese waren beim Bau des Webstuhles sehr nützlich, stellen jedoch in diesem Land einen Luxus dar. (Ein ortsüblicher Schreiner besitzt nicht viel mehr als eine Handsäge, einen Hobel und Schnitzmesser). Die Stromversorgung war sehr unregelmässig, was eine flexible Arbeitsweise erforderte.

In Haiti selber gibt es keine Webtradition. Da die Menschen in Haiti in ihren Häusern auf kleinstem Raum zusammenleben, ist es eher unwahrscheinlich, dass die Menschen für den privaten Gebrauch Webstühle bauen werden, um bei sich zuhause weben zu können. Diony Francher der über einen gedeckten Platz verfügt, bildet da sicher eine Ausnahme.

Das Zentrum „Damaris“ in Pont Sondé, welches eine Nähschule führt, verfügt neu über einen eigenen Raum für das Webatelier. »LEMUEL SWISS« wird sich weiterhin dafür einsetzen, dass interessierte Frauen in Haiti das Handwerk des Webens von Grund auf erlernen, ihre Kenntnisse erweitern, und ihre Vorstellungen im gut eingerichteten Webatelier in Pont Sondé umsetzen können.

Im Namen von »LEMUEL SWISS«, Lisa Stucky

Schlussbericht aus dem Webatelier

Der Abschied naht, wir schauen zurück auf die intensiven drei Monate Unterricht und bereiten vor für die Zeit, wo die Frauen auf sich gestellt selbständig weben werden. Alle wollen weitermachen!

Santhia, Charline, Eliciènne, Solange und Damas, welche schon letztes Jahr dabei waren und auch in der Zwischenzeit gewebt haben, hatten die Gelegenheit, die differenzierte Art zu zetteln (mit 3 und mehr Fäden) zu lernen und immer wieder anzuwenden – wie auch das Aufbäumen mit dem »guten Freund« von Andreas Moeller und das Einrichten der hier gebauten 2 Flying-8-Webstühle mit 4 Schäften und 6 Tritten. Im Bericht vom September war die Rede von einem Webstuhl; er bekam noch einen Kollegen, weil das Holz und die Männer, Walter und Reto noch zur Verfügung standen.

Die fünf Frauen lernten auch das gleichmässige Weben mit feinem Material, welches hier kiloweise vorhanden ist, sogar mit Schnellschussvorrichtung!

Es entstanden Brotsäcke, Hand – und Geschirrtücher und Abwaschlappen unter der kundigen und geduldigen Anleitung von Lisa. Auch das systematische Entwerfen und Berechnen einer neuen Arbeit war Gegenstand des Unterrichts sowie die einfache Bindungslehre für 4 Schäfte.

Mit Cherlie, Christmène, Novelda, Guerda und später auch Madeleine arbeitete ich auf den bewährten Webrahmen und kleinen Teppichwebstühlen. Diese Frauen sind neu hinzugekommen und brauchten erst Einführung ins Weben mit gröberem Material. Wir suchten auch nach landeseigenem Material das man sinnvoll verarbeiten kann und stiessen auf Latanya, die Blätter einer Fächerpalme für Tischsets, und Pit (Sisal),welches ein junger Mann für uns zwirnte für Untersetzer, Körbchen und Teppiche.

Diese Gruppe Frauen lernte einen Webrahmen einrichten und ebenfalls einen Entwurf machen und berechnen. Lisa rief oft alle zusammen, wenn bei den grossen Webstühlen etwas Wichtiges zu zeigen war; so kriegten auch die »Neuen« etwas mit vom profimässigen Weben!

Nun arbeiten wir noch eine Woche mit den Frauen zusammen, wir haben viel zu tun mit Fertigstellen und Einrichten für die Zeit danach. Schippert's werden schon im Februar wieder hier sein – was werden sie wohl antreffen im Webatelier?

Lisa und ich können es loslassen im guten Gefühl, ein gegenseitiges Geben und Nehmen erlebt zu haben.

Mit herzlichen Grüssen aus der Hängematte auf dem Dach im Centre Damaris, Pont Sondé

1. Advent 2011, Elsa C. Real